Schlaue Stadt von unten: Souveräne Bürger*innen durch digitale Beteiligung

Foto von Anne-Marie Pellegrin

Wenn es um urbane Datennutzung geht, sind in vielen Debatten abstrakte Schreckvorstellungen der Smart City dominant. Dystopische Beispiele der Datennutzung wie das Social Credit-System Chinas oder intransparenter und rein profitorientierter Datenhandel durch Großkonzerne in vielen Ländern sind es, die Bürger*innen Angst machen statt Mut zur Veränderung durch Digitalisierung zu geben. Unser Plädoyer ist daher:  Eine Smart City muss mit den Ideen ihrer Bürger*innen gestaltet werden – nicht über ihre Köpfe hinweg. Es ist entscheidend, Bürger*innen aktiv und transparent in Prozesse strategischer Datennutzung mit einzubinden.  Nur so kann das Vertrauen Einzelner in kommunale Institutionen und ihr demokratisches Wesen gestärkt werden. In einer offenen freiheitlichen Gesellschaft, die immer stärker digitalisiert ist, sollte selbst der kleinste Teil dieser Gesellschaft die Möglichkeit haben, Stadtentwicklung „von unten nach oben“ im Rahmen digitaler Beteiligung mitzugestalten.

 

Was ist überhaupt digitale Bürgerbeteiligung?

Bürgerbeteiligung im Allgemeinen bezeichnet die Einbeziehung der Bürger*innen bei der Ausgestaltung des Gemeinwesens. In Deutschland werden seit den 1970er Jahren auf verschiedene Weise Bürger*innen in die öffentliche Entscheidungsfindung miteinbezogen.

Heute ist der Ruf der Bevölkerung, mitzubestimmen, lauter denn je.  In einigen Bereichen der Stadtgestaltung spielt der Bürgerwille bereits eine wegweisende Rolle. Besonders oft wird er bei realen Planungs- und Bauverfahren abgefragt, auch vor dem Hintergrund der Baudesaster in jüngerer Zeit – beispielsweise Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen BER. Seit den 2010er Jahren bieten Städte vermehrt die Möglichkeit, mittels E-Partizipationsplattformen Bürger*innen online per App oder im Browser mit in die Entscheidungsfindung einzubinden. Aber nicht nur in dieser Form ebnet Digitalisierung neue Wege, mehr Menschen zur Mitgestaltung digitalen wie realen Gemeinwesens zu motivieren.

 

Welche Formen digitaler Beteiligung gibt es? 

Das Themengebiet der digitalen Beteiligung ist noch jung. „Klassische“ Formate sind die oben bereits erwähnten kommunalen E-Partizipationsplattformen für Stadtentwicklung. So hat zum Beispiel Berlin gemeinsam mit dem Verein Liquid Democracy die Plattform „mein.berlin.de“ aufgebaut oder Hamburg gemeinsam mit der HafenCity Universität die Plattform „DIPAS“ (Digitales Partizipationssystem). Solche Plattformen beinhalten Funktionen wie Crowdmapping (kartenbasierte Sammlung) von Ideen oder Problemen sowie Bürgerhaushalte, ortsbasierte Befragungen, interaktive Veranstaltungen oder gemeinsames Brainstorming. Innovativere Formen der E-Partizipationsplattformen bieten zudem Möglichkeiten, auf einfache und durch spielerische Elemente („Gamification“) unterhaltsame Weise Gebäude und Quartiere zu planen. So kann man beispielsweise auf der Website „Streetmix“ mittels eines digitalen Baukastens selbst einen optimale Straßenquerschnitt gestalten – oder mit der Plattform „U_CODE“ (Urban Collective Design Environment) in 3D die eigene Nachbarschaft neu designen.

Eine weitere Form digitaler Beteiligung sind Community- oder Bürger-Apps. Beispiel für diese ist die Plattform „Digitale Dörfer“ des Fraunhofer IESE – ein großes Paket an Apps, Plattformen und Websites für digitale Dorfgemeinschaften. Funktionen sind unter anderem ein themenbasierter Chatroom mit Gesuchfunktion (Dorffunk), ein Newsroom mit Bürgerreporterfunktion (Dorfnews) oder ein lokaler Online-Marktplatz, ähnlich Ebay-Kleinanzeigen, mit freiwilligem Nachbarschaftsliefersystem. Als Anreiz für die Nutzung der App dient der “Digitaler”, der beispielsweise bei teilnehmenden Läden als Währung verwendet werden kann.

Neben der aktiven digitalen Beteiligung hat sich das Crowdsourcing von Daten entwickelt. Im städtischen Kontext bedeutet es, dass Bürger*innen („die Crowd“) selbst Daten zu einem bestimmten Zweck sammeln. Von der Gruppe „goodcitylife“ aus London beispielsweise wurden innerhalb verschiedener Projekte gemeinsam mit Freiwilligen Daten gesammelt, um daraus Karten zu entwickeln, die die Emotionen von Bürger*innen („Happy Maps“) oder deren Geräuscherlebnis („Chatty Maps“) im Stadtraum darstellen. Im Forschungsprojekt „meingrün“ haben des Weiteren das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, die Stadt Heidelberg und die Stadt Dresden eine Routing-App entwickelt, die statt dem kürzesten Weg den mit dem besten Naturerlebnis weist. Optimiert wird die App stetig mit Daten von Bürger*innen selbst.

 

Welche Daten & Informationen entstehen durch digitale Beteiligung? 

Daten, die bei digitaler Beteiligung entstehen, sind divers. Im Gegensatz zu Sensordaten quantitativer Natur werden insbesondere qualitative Daten erzeugt – also Daten zu gefühlten lokalen Qualitäten wie Geräuschkulissen, Zugänglichkeiten, individuelle Sicherheitsgefühle, Umwelteinflüsse wie Hitze oder Kälte, Gestank oder Staub. Aber auch Trackingdaten von Fahrradfahrer*innen oder Passant*innen zu den eigenen Routen oder selbstentwickelte 3D-Modelle zur Stadtgestaltung können generiert werden. Per Crowdmapping und Umfragen werden Karten oder Listen zu lokalen Bedürfnissen der Bürger*innen erzeugt. Darüber hinaus sind Chroniken und Bildergalerien möglich, die beispielsweise das soziale Leben in einem Quartier widerspiegeln, lokale Kunst- oder Kulturprojekte. Solche Daten sind deutlich näher an der Lebenswirklichkeit der Bürger*innen als Sensordaten und haben somit einen unmittelbaren Einfluss auf die lokale Lebensqualität. Aktuell werden sie jedoch nicht systematisch oder flächendeckend erfasst, da sie meist nur projektbasiert und zeitlich begrenzt erzeugt werden.

 

Wie können bürgergenerierte Daten verwertet werden? 

Bürgergenerierte Daten können einmalig aufbereitet und veröffentlicht werden. Besonders interessant werden sie allerdings, wenn man sie auch verknüpft, analysiert und interpretiert. Dann kann eine Verknüpfung von quantitativen Sensordaten mit qualitativen Beteiligungsdaten, beispielsweise Prognosemodelle in der Verkehrsplanung ergänzt um „weiche“ Faktoren von Fußgänger*innen, dabei helfen, ein Modell insgesamt realitätsnaher zu gestalten. Von Menschen klassifizierte Bilder des Straßenraums können wiederum KI-Algorithmen dabei helfen, weiche Faktoren im städtischen Leben einzuordnen und so diese Algorithmen einen Schritt näher an die Lebenswirklichkeit von Bürger*innen zu bringen. Eine weitere Verwertungsmöglichkeit ist die Integration der verorteten Bürgerbedürfnisse beispielsweise in kommunale BIM (Building Information Modelling)-Modelle oder Bebauungspläne, sodass Stadtplaner nahtlos integriert planen können.

 

Wie können bürgergenerierte Daten in ein Smart City-Ökosystem integriert werden? 

Es gibt bereits zahlreiche Projekte, die von Bürger*innen generierte Daten erheben und diese (zeitlich begrenzt) verwerten. Um diese Daten aber dauerhaft und kontinuierlich für eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung einzusetzen, müssen sie mit weiteren Daten verknüpft und in einen Kontext gebracht werden. Diese Aufgabe können beispielsweise Offene Urbane Datenplattformen übernehmen, die auch hier Datensilos aufbrechen. Ein weiterer Erfolgsaspekt für digitale Beteiligung ist die Schaffung entsprechender kommunaler Governance-Strukturen. Wichtig ist dabei aber auch in Zukunft, dass Beteiligung nicht allein im digitalen Raum stattfindet, sondern jegliche Beteiligungsmechanismen als Ergänzung zu bereits bestehenden Formaten betrachtet werden. Immer im Vordergrund steht die Schaffung von Transparenz, Verständlichkeit und Vertrauen für die Bürger*innen im Rahmen der Gestaltung einer Stadt für alle.

 

Bei weiteren Fragen zum Thema oder zum Artikel wenden Sie sich gerne an David Hick!

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