Nachhaltig smart, auch im ländlichen Raum?!

Pferd im Stall

Beim Gedanken an Digitalisierung im ländlichen deutschen Raum, fällt zumindest mir zuerst der WDR-Test im Dezember 2020 „Pferd gegen Internet“ ein: Ein Fotograf muss 4,5 GB aus Schmallenberg-Oberkirchen im Hochsauerlandkreis zur ca. 10 Kilometer entfernten Druckerei transferieren.* Und macht die Probe: Ist die Datenübertragung per Internet schneller – oder per Pferd? Tatsächlich ist die vierbeinige Post um Stunden schneller als die Datenübertragung, da das Glasfaserkabel seit Monaten nicht angeschlossen wird.

Ähnliche Herausforderungen für Stadt und Land

An dieser Stelle könnte man also eigentlich aufhören zu schreiben. Denn wie sollen Smart Country-Anwendungen auf dem Land funktionieren, wenn nicht einmal die basale Netzversorgung gegeben ist? Aber gehen wir davon aus, dass die neue Bundesregierung den lange versprochenen Netzausbau flächendeckend voranbringt. Dann muss auch den ländlichen Räumen die Möglichkeit gegeben werden, Daten sinnvoll und strategisch im Sinne von Gemeinwohl und Nachhaltigkeit zu nutzen.

Denn auch und gerade die ländlichen Räume stehen vor enormen Herausforderungen. Sie sind stark von den mit der Klimakrise einhergehenden Wetterextremen betroffen: Große Hitze und Dürren vernichten Ernten und gefährden die landwirtschaftlichen Betriebe; Waldbrände und Überflutungen richten immensen Schaden an. Hohe Nitratwerte im Grundwasser belasten die Gesundheit der Bevölkerung wie hohe Verkehrs- und Lärmbelastung durch Autos, Traktoren und Lastwagen, wobei in vielen Fällen die Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs vollständig fehlt.

Chancen durch sinnvolle Datennutzung

Es bieten sich aber in bisher wenig beachteten Bereichen wie zum Beispiel der Landwirtschaft durch die sinnvolle Nutzung von Daten erhebliche Möglichkeiten, um Ressourcen und damit auch das Klima zu schonen: Durch Sensoren werden beispielsweise Luft-, Gewässer-, Boden-, Pflanzen- und Wetterdaten aufgenommen und diese in einer Plattform sinnvoll vernetzt. Der/die* Landwirt*in profitiert, weil er/sie* eine Nachricht bekommt, wann Düngen in welcher Fläche Sinn macht – und wann und wo auf keinen Fall gedüngt werden darf, weil kommender Regen das Nitrat aus bereits gesättigten Böden auswaschen würde.

Die Überwachung von Krankheiten im Nutzpflanzenbestand kann frühzeitig durch sinnvolle Datennutzung erfolgen, so dass Herbizide nur gezielt und kontrolliert eingesetzt werden müssen. Und auch der Katastrophenschutz – vom Hochwasser bis zum Waldbrand – ist über Sensoren mit entsprechender Daten-Infrastruktur mit wesentlich weniger Ressourceneinsatz zu schaffen, gerade wenn es um schlechter zugängliche Landschaften geht.

Anders denken, Technologie nutzen, Verwaltung befähigen

Einzelne und Kommunen hätten also erhebliche Vorteile von einer so gestalteten Digitalisierung, einer nachhaltig smarten Entwicklung des ländlichen Raums. Doch wie kommen wir dorthin?

  1. Änderung des „Mindsets“: Wir müssen weg von dem Gedanken „Städte hier — und dann lange nichts — und dann ländliche Räume.“ Stattdessen gilt es, Regionen als Ganzes zu sehen. Beispiel Mobilität: Sie hört an keiner Stadtgrenze auf, deshalb muss auch die Mobilitätswende hin zu nachhaltig smarten Lösungen das Umland im Blick haben. Und auch die technologischen Anforderungen und Lösungen für Stadt und Land sind übertragbar: So hat zum Beispiel BREEZE, ein Hamburger Start-Up, das mit der Herstellung von Luftsensoren für die Messung von Luftverschmutzung in der Stadt, seine Sensoren mittlerweile auch in Nationalparks im Einsatz, um Waldbrände rasch zu entdecken.
  1. Einheitliche Technologie-Standards: Wir brauchen technologisch einheitliche Standards und Anforderungen, die für Übertrag- und Skalierbarkeit sorgen, Synergieeffekte schaffen und Kosten senken. Damit nicht jede Stadt, Region und Kommune das Rad wieder von Neuem erfinden muss, sondern bereits gefundene datenbasierte Lösungen einfach transferiert werden können, brauchen wir einheitliche Standards – am besten Open Source. Dies bietet Schutz vor dem so genannten Vendor-Lockin, so dass die Entscheidungsgewalt jederzeit bei den Kommunen bleibt. Und entsprechend sorgt die Offenheit des Systems für Vertrauen in die Technologie auf Seiten der Kommunen und der Bürger*innen und Bürger.
  1. Befähigung: Wir brauchen auch in den kleineren Kommunen, in den Landkreisen und Verwaltungsgemeinschaften Institutionen und Personal, die mit Daten kompetent und kreativ umgehen wollen. Noch wird Digitalisierung oft eher als notwendiges Übel denn als tatsächliche Hilfe verstanden. Hier gilt es, die Verwaltungsmitarbeitenden mit entsprechenden Schulungen zu befähigen, aber auch in den direkten Austausch mit anderen Städten und Gemeinden zu bringen, die mit konkretem Rat und Tat zur Seite stehen können. Dieses Format erproben DKSR und die Fraunhofer Morgenstadt Initiative beispielsweise mit der Urban Data Community erfolgreich.
*vgl. https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/pferd-internet-daten-transfer-wettbewerb-schmallenberg-100.html, letzter Zugriff am 20.9.2021

 

 

 

 

 

 

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